Morgens um sieben

(erschienen in „Die Rampe“ 4/2016)

 

Ich zog den Stauschlauch über dem rechten Ellbogen der Frau fest und vermied es, ihr in die Augen zu sehen. Mir war klar, dass sie mich hasste. Das taten sie alle, die Patienten auf dieser Station, und bis zu einem gewissen Grad beruhte das auf Gegenseitigkeit. Nach dreiundzwanzig Stunden Dienst war ich für die negativen Schwingungen, die von all den Todgeweihten ausging, besonders empfänglich. Es war aber nicht meine Schuld, dass sie Krebs hatten und ich nicht. „Machen Sie eine Faust“, sagte ich. In ihrem fortgeschrittenen Krankheitsstadium hätte die Frau eigentlich ohne Aufforderung wissen sollen, was sie zu tun hatte, wenn ich stechen kam. Ich nahm einen blauen Venflon vom Spritzenwagen - die dünnste Sorte - und schälte ihn aus seiner Verpackung. Nummer 27 zählte ich leise für mich mit. Aufgequollen, kalt und übersät von Blutergüssen lag der Arm auf der Bettdecke. So wie er aussah, musste ich froh sein, wenn ich überhaupt einen Zugang schaffte. Mein Dienstpager piepste. Ich meldete mich per Telefon. Die Schwester sprach hastig, als wäre ihr ganzes Leben ein Dauernotfall. Die Blutkonserve des Patienten, der in der Nacht fast über den Jordan marschiert wäre, und der einen Stock höher lag, tropfe nicht. Halt endlich die Klappe, du Quälgeist, dachte ich.

„Ich komme gleich rauf“, sagte ich. „Erst leg ich da schnell eine Leitung.“  

Der Arm vor mir war eine Zumutung. Eine Metapher für die ganze Station und meinen beschissenen Job. Ungeduldig drückte und klopfte ich ihn ab, aber außer einem dünnen Würmchen am Handgelenk innen war keine Vene aufzuspüren. So vorsichtig und mit aller Konzentration, zu der ich noch fähig war, schob ich die Nadel vor. Hellrotes Blut floss in die Kanüle. Also lag sie richtig. Jetzt durfte die Vene nur nicht platzen. Da, wo die Spitze der Nadel unter der Haut lag, bildete sich ein blauer Hügel. Rasch breitete er sich nach allen Seiten aus.

Mist. Es genügte schon, an den Teufel zu denken …

Ich zog den Venflon zurück, klebte Baumwolltupfer auf die blutende Einstichstelle und wickelte fest einen Verband drum herum. Damit der Bluterguss nicht allzu groß wurde. Ich streckte mich. Mein Rücken tat weh. Meine Beine schmerzten, und ich wollte nur noch nach Hause und schlafen. Draußen begann ein neuer Sommertag. Im Zimmer war es ruhig. Nur das Zischen des Sauerstoffgerätes und der leise röchelnde Atem der Bettnachbarin waren zu hören. Ich schwitzte und wischte mir mit dem Ärmel meines weißen Mantels über die Stirn. Dann blickte ich wieder auf die geschundenen Arme vor mir. Ich schloss meine Augen, aber da wurden es nur noch mehr Hände, eine ganze Armee von rot und blau gefleckten Händen, blutend, mit einer Haut zart wie Seidenpapier streckte sich mir entgegen in meiner Vorstellung, und ich riss die Augen schnell wieder auf. Die Chemo musste rein, direkt in den Blutkreislauf. Eine Veno für die Chemo. Jetzt fing ich auch noch zu reimen an. Langsam drehte ich wohl völlig durch.

Wozu der Zirkus noch gut sein sollte, fragte ich mich.

In zwei Monaten ist es sowieso vorbei, hatte der Oberarzt gesagt. So oder so.

Irgendjemand sollte der Frau das auch einmal sagen, fand ich. Ein Pech war es schon, in dem Alter. Eigentlich komisch, dass man es Tochtergeschwulst nennt und nicht Sohn. Als ob alles Böse weiblich wäre, dachte ich.

Zum etwa zweihundertsten Mal in diesem Dienst zog ich den Stauschlauch fest. Was würde nur meine Kollegin wieder über mich sagen, wenn sie in einer Stunde kam, um mich abzulösen, wenn ich den Zugang nicht schaffte und sie wieder meine Arbeit erledigen musste. Am liebsten hätte ich mich auf den Bettrand gesetzt und geheult. Allein unter Zombies, genauso fühlte ich mich.

 

„Sie sehen müde aus, Frau Doktor. Gehen Sie eigentlich nie nach Hause?“

Die Stimme klang angenehm. Sanft. Ich hielt inne, hob meinen Kopf und wandte mich ihr zu. Sie war so jung. Ihre kühle Hand lag noch immer in der meinen. Ihr Schädel war kahl und die Wangen hohl. Jeder Knochen zeichnete sich ab unter ihrer dünnen Haut. Blaue Augen hatte sie, die tief in ihren Höhlen lagen. Ein Kranz aus Fältchen hatte sich um sie gebildet. Sie lächelte. Ich schämte mich. Wie hartherzig ich geworden war! Mein Blick wanderte von der Bettdecke zum Nachtkästchen. Da lehnte ein weiß gerahmtes Foto an einer Blumenvase. Zwei Kinder waren darauf abgebildet. Mädchen. Blond. Ohne eine Spur von Bosheit lachten sie in die Kamera. Ich musste mich zusammenreißen.

„Ja“, sagte ich leise. „Verzeihen Sie. Ich bin wirklich müde.“